3 Mai 2017

Anmerkungen zum „biologischen“

In jüngster Zeit gehört zu den Argumenten, die von Winzern am meist diskutiert und gebraucht werden, der biologische Weinbau. Den vom Gesetz her definierten „biologischen“ Wein gibt es noch nicht, aber das Wort „biologisch“, dicht gefolgt von „biodynamisch“, liegt auf den Zungen der Erzeuger, Weinliebhaber, Journalisten etc., etc.
Wir selbst besitzen die biologische Zertifizierung für unsere Weinberge zur Rotweinerzeugung. Somit stammen die Weine Carmenere Più, Bradisismo, Oratorio di San Lorenzo und Campo del Lago aus biologischem Anbau.
Bewusst verwenden wir dieses Thema nicht als Verkaufsargument. Oder besser gesagt, wir freuen uns, mit jedem darüber zu sprechen, der uns um Auskünfte bezüglich der Eigenschaften unserer Weine und unserer Produktionsphilosophie bittet. Wir finden es allerdings fragwürdig, diese Argumente kommerziell zu nutzen, als eine weitere Angabe auf der Etikette.
Die Überlegungen, die hinter dieser Entscheidung stehen, ergeben sich aus einer Betrachtungsweise des Weins, die ich im Folgenden zusammenfasse.

In den letzten dreißig Jahren führte der beispiellose Wein-Boom zu einem schwindelerregend wachsenden Interesse. Stilrichtungen, Moden, alte und neue Anbaugebiete, Rebsorten und Philosophien wechseln sich in rascher Folge auf dem Markt ab.
Dies hat zu einer „Anpassung” des modernen Weins an eine Vielzahl anderer Konsumgüter geführt, die häufig ihre Ausstattung und Etikette ändern müssen, um das Interesse des Konsumenten zu wecken.
Allerdings ist es interessant festzustellen, dass die großen Wein-Klassiker, vor allem die französischen, von diesem Verlauf unbeeindruckt bleiben und ihre deutliche Identität bewahren, ohne eventuelle agronomische oder önologische Veränderungen unmittelbar zu kommunizieren. Viele von ihnen werden schon seit langem aus biologischen oder ähnlichen Trauben erzeugt, aber es fehlt ein direkter Verweis darauf. Der Grund dafür liegt darin, dass man den Konsumenten nicht davon ablenken möchte, was das eigentliche Ziel unserer Arbeit ist: die Güte des Weins.
Jegliches Adjektiv wie biologisch, biodynamisch, natürlich, etc. beweist an sich nicht die Güte eines Weines, aber es versetzt den Konsumenten in eine – vielleicht zu – positive Stimmung gegenüber dem Produkt, bevor er es überhaupt verkostet hat. Wie viele von uns haben Weine getrunken, die sich mit diesen Attributen schmückten, und sie am Gaumen dann als schlecht empfunden? Ich glaube, viele.
Deshalb tragen die Verwendung und Einführung neuer Adjektive im Namen einer größeren „Natürlichkeit” des Weines nicht dazu bei, den Gaumen des Konsumenten zu schulen, sondern sie verleiten ihn dazu, sich einer neuen, wenn auch gesunden, Mode zu zuwenden, die sicher nicht die Güte des besagten Weines besiegelt. Ideal wäre genau die gegenteilige Vorgehensweise: eine „blinde“, wir würden sogar sagen, eine etwas abgelenkte Verkostung, aus der die Güte deutlich und eher unerwartet hervorgehen muss.
Gute agronomische und önologische Praktiken sind für diesen Zweck mit Sicherheit notwendig. Aber sie bieten dafür keine Garantie.

Stefano Inama